Stellungnahme

Auch wir sind betroffen von den Anfeindungen und Morddrohungen gegen Igor Levit. Igor Levit ist als ehemaliger Stipendiat, als Solist mehrerer LMN Benefizkonzerte und als Professor der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover mit unserem Verein persönlich und musikalisch verbunden. Wir stehen an seiner Seite und treten ein für eine offene und tolerante Gesellschaft.

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 30.12.2019

 

 

Der weltberühmte Künstler sieht sich massiven antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt / Bundestagspräsident Schäuble fordert Wachsamkeit der Bürger

 

Hannover. Eine Morddrohung und judenfeindliche Äußerungen gegen den deutsch-russischen Star­pianisten Igor Levit haben besorgte Reaktionen in Berlin und Hannover ausgelöst. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) rief Bür­gerinnen und Bürger dazu auf, dem Antisemitismus Einhalt zugebieten. "Wir müssen wachsam sein", for­derte auch Michael Fürst vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

"Ich bekomme Morddrohun­gen", hatte Levit in einem Gastbei­trag für den "Tagesspiegel" ge­schrieben. Sie seien "unzweideutig" fuhr er fort: "Nicht oberfläch­lich, nicht unbedacht, nein, glasklar und kündigen an, mir "Judensau" mein Maul stopfen zu wollen, vor Publikum, während ich auf der Büh­ne sitze."
Der weltberühmte Pianist Igor Levit stammt aus einer jüdischen Familie. Er hat seine Klavierausbil­dung an der Musikhochschule Hannover erhalten, an der er seit diesem Semester selbst als Professor tätig ist. Als Botschafter unterstützt Levit außerdem die Bewerbung Hanno­vers um den Titel der Kulturhaupt­stadt 2025.

 

"Wut und Bürgerpflicht" hätten ihn veranlasst seinen Text zu veröffentlichen, sagte Levit am Sonntag der HAZ. In Hannover allerdings habe er keinerlei Drohun­gen erlebt. Hannovers Oberbürger­meister Belit Onay (Grüne) forderte per Twitter zu Solidarität mit Igor Levit auf.

Levit erhielt nach eigenen Anga­ben Mitte November eine E-Mail, in der ein Mordanschlag bei einem konkreten Konzert in einer Stadt in Süddeutschland angedroht wurde. Nach Angaben seiner Sprecherin schaltete der Pianist die Polizei ein. Das Konzert spielte er trotzdem, es gab Personenschutz und aufwendi­ge Sicherheitsmaßnahmen.

"Habe ich Angst? Ja, aber nicht um mich", schrieb Levit in dem Zei­tungsbeitrag. "Nicht um mich, son­dern um dieses Land. Mein Land. Unser Land." Menschen würden mit Worten drangsaliert und er-schossen. "Erst die Sprache, dann die Tat. Und aus den Echokammern des Netzes brandet Beifall auf. Völ­kischer Hass nimmt alles ins Visier, was ihm nicht passt."

"Alarmierend und erschreckend"
Dass ein so renommierter, weltbe­kannter Künstler wie Igor Levit be­droht worden sei, sei "alarmierend und erschreckend", sagte Fürst. "Es hat in letzter Zeit tatsächlich eine Verschiebung der Normen und Werte gegeben und eine Verschär­fung des Antisemitismus, aber nicht nur bei uns, sondern weltweit", sagte Fürst und nannte als jüngstes Bei­spiel den Messerangriff auf jüdische Gläubige bei einer Chanukka-Feier im US-Bundesstaat New York.

Fürst konstatierte, man stehe in Deutschland noch nicht vor Zeiten wie 1933 und vor dem Beginn der Hitler-Diktatur. Es sei aber gut, dass die Behörden "jetzt endlich aufge­wacht sind und noch schärfer die rechtsextreme Szene in Deutschland durchleuchten". Den Feinden des Liberalismus und der Demokra­tie müsse man Paroli bieten.

Bundestagspräsident Schäuble sagte dem "Tagesspiegel" anläss­lich der Drohungen gegen Levit: "Wir Demokraten sind gefordert: Jeder und jede sollte jedem Anflug von Judenhass zu jeder Zeit energisch entgegentreten." Jeder neue Fall von Antisemitismus zeuge von neuer Dringlichkeit. "Damit muss Schluss sein, erst recht 2020, in dem sich die Befreiung von Ausschwitz zum 75. Mal jährt."

Levit selbst schrieb, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextre­mer Terror würden in Deutschland immer noch systematisch unterschätzt. Der 1987 im russischen Nischni Nowgorod geborene Künstler gilt als einer der bedeu­tendsten Pianisten seiner Generation. Zuletzt hat er alle Beethoven­-Sonaten eingespielt. Im Laufe sei­ner Karriere ist er zu einer prominenten politischen Stimme gewor­den. Am Mittwoch, 11. März, tritt Igor Levit in Hannover beim Pro­Musica-Konzert im Großen Sende­saal des NDR auf.