Erfahrungsbericht

von Christian Seibt

Auf dieser Seite schildert der Journalist Christian Seibt seine unmittelbaren Eindrücke eines Live Music Now Konzertes. Herr Seibt hat im Rahmen unserer Benefizkonzerte Live Music Now Hannover kennengelernt  und war von unserer Arbeit und der Vision Yehudi Menuhins so begeistert, dass er seine Erfahrungen in diesem und weiteren Berichten vorstellen möchte. Wir danken Herrn Seibt sehr herzlich für sein Engagement und für die Erlaubnis seinen Bericht zu veröffentlichen!

Live Music Now-Konzert in der Psychiatrie

HANNOVER/LANGENHAGEN. Es ist ein dunkelgrauer, ungemütlicher Dezembertag, aber dieses Duo zaubert Sonne in die Herzen seiner Zuhörer. Pianist Daniel Rudolph und Bass-Sänger Yannick Spanier, beide Jahrgang 1990, fesseln mit ihrem einstündigen Konzert ihr Publikum, das ein Besonderes ist. Es sitzt in keinem ehrwürdigen Konzertsaal, auch in keinem geschmückten Festsaal und auch nicht in einer Kirche, die ihren sakralen Raum für Musikdarbietungen geöffnet hat. Das Publikum hat bequeme Kleidung, teilweise Freizeitkleidung an und blickt auf die beiden Künstler, die auf keiner Bühne, auf keinem Podium stehen, und die auch nicht mit ausgefeiltem Bühnenlicht in Szene gesetzt werden. Nein, der Getränke-Automat brummt sobald die Kühlung wieder einsetzt, die automatischen Türen klacken nach dem Türsummer und geben beim Öffnen ein längeres Wisch-Geräusch ab, um Personen durchzulassen - deren Schritte, je nach Schuhwerk, hallen, klackern oder diese Gummisohlen-Abziehgeräusche verursachen. Da rascheln Winterjacken und knistern Papier- und Plastiktragetaschen im Vorbeigehen, da gibt es Gesprächsausschnitte, die vielleicht gedämpft werden - "weil da 'was ist" - und da rollt der Servicewagen, wie der von der Reinigungskraft, vorbei. "Das, was da ist", sind die beiden musizierenden Künstler Rudolph und Spanier, die sich während ihres Vortrages ebenerdig auf einer Art Platz befinden, der zugleich ein Kreuzungspunkt von drei Gängen ist. Zwei Gänge sind durch eine Komplett-Verglasung miteinander verbunden, die großzügig den Blick auf eine parkartige Grünfläche frei gibt. Auch hier eine Tür, die immer mal wieder frequentiert wird. Das schöne alte, schwarze Klavier steht seitlich von ihr. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich das Café "ConTakt" mit besetzter Theke, Bistro-Tischen und Stühlen - und besagtem Getränke-Automaten. Dieses Café befindet sich jedoch nicht in einer überdachten Fußgängerzone, auch nicht in einem Erlebnis-Shopping-Center, sondern in der KRH Psychiatrie Langenhagen, Rohdehof 3. Alle Plätze sind besetzt. Im breiten Gang gegenüber dem Café, an der Wand, stehen ausnahmsweise weitere Stühle, auch sie, alle besetzt. Kommt jemand vorbei, stellt er sich einfach dazu. Gut 40 Zuhörer lauschen der Musik. Es sind hauptsächlich stationäre und teil-stationäre Patienten (Tages-Klinik), aber auch Klinik-Personal, das mal länger zuhören kann oder nur ein bisschen, weil es weiterarbeiten muss. Sogar die Klinikleitung kann sich (etwas) Zeit nehmen für die musikalische Darbietung, ein Liederkonzert von Klassik bis Musical.

Mit einem flott-fröhlichen Ständchen aus Neapel beginnt es, gefolgt von der "Arie des Sarastro" aus Mozarts "Zauberflöte". Beides klingt wunderbar: Rudolph und Spanier harmonieren musikalisch sehr gut miteinander. Alle Zuhörer lauschen gebannt.

Dass hier schöne Musik live erklingt, ist dem Verein Live Music Now Hannover, zu verdanken, der Musik dort hinbringt, wo jene Menschen sind, die aufgrund ihrer Lebensumstände dauerhaft oder zeitweise nicht ins Konzert gehen können - wie Menschen, die in Altenheimen, Krankenhäusern, Strafanstalten, Waisenhäusern, Hospizen oder in anderen sozialen Einrichtungen leben - oder wie hier, die in der Psychiatrie sind.

Alle Künstler, die bei diesen speziellen Konzerten mitwirken, sind junge hochbegabte Stipendiaten von Live Music Now Hannover e. V. Es sind besonders hochqualifizierte Musikstudenten der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, die zuvor von einer Jury aus Professoren nach strengen Kriterien für die Stipendien ausgewählt wurden.

Die von dem Jahrhundertgeiger und Weltbürger Lord Yehudi Menuhin entwickelte Live Music Now-Idee der kostenlosen Konzerte, die ausschließlich aus Spenden und durch Benefizkonzerte finanziert, von ehrenamtlich tätigen Mitgliedern organisiert und von jungen, engagierten, am Beginn ihrer Karriere stehenden Talenten dargeboten werden - hier ist sie nun direkt erlebbar.

Es ist schön und anrührend zugleich, wie gut das exzellente, anspruchsvolle musikalische Programm und die locker präsentierten Erläuterungen dazu (Themen, Inhalt, Handlung...) bei den Patienten ankommen. Wie sie sich auf die Musik einlassen, ihr interessiert folgen, sich daran erfreuen, sie genießen - und davon berührt sind. Obwohl so mancher Patient darunter ist, der sonst eher selten klassische Musik hört. Doch Rudolph und Spanier schaffen es von Anbeginn eine Wohlfühl-Atmosphäre zu zaubern. Ihr Vortrag fesselt alle. Sogar bei den Kunstlied-Stücken aus Schuberts "Winterreise", die durchaus keine leichte Kost sind. Mutig. Aber "Der Lindenbaum", "Wasserfluth", "Frühlingstraum", "Die Nebensonnen", "Der Leiermann" werden so innig, spannungsvoll und mitreißend vorgetragen, dass diese wundervollen Werke ebenfalls hervorragend ankommen. Wunderbar der warme, runde Bass von Spanier, ebenso das einfühlsame Spiel von Rudolph. Die beiden lassen sich nicht vom Tagesbetrieb stören, Patienten, Personal und Besucher gehen vorbei oder bleiben stehen. Einige kommen von draußen herein. Flurgeräusche. Klinik-Alltag halt. Nach der "Winterreise" endet das Konzert. Keiner von den Patienten ist gegangen (was schon mal aus unterschiedlichsten Gründen passieren kann). Es gibt langen, begeisterten Applaus. Gerne geben die beiden eine Zugabe. "Wenn Sie noch können", sagt eine Patientin mit leuchtenden Augen. Sie können. Rudolph fasziniert mit seinem solistischen Spiel bei "Golliwoggs Cake-walk" aus dem Werk "Children's Corner ('Kinderecke'): Kleine Suite für Klavier allein" von Claude Debussy. Danach gibt es eine prima Version von "Wenn ich einmal reich bin" (Lied des Tevje), aus dem Musical "Anatevka", schön beschwingt-fröhlich, augenzwinkernd. Und mit dem Crooner-Titel: "Fly me to the Moon" von Bart Howard klingt das Konzert endgültig aus.

"Könnte noch weiter gehen!", sagt ein Patient. Wieder kräftiger Applaus. Dabei übergibt ein anderer Patient, stellvertretend für alle, den beiden Musikern zum Dank jeweils eine rote Rose. Eine schöne Geste. Die beiden Künstler freuen sich. Weitere Patienten gehen zu den Musikern und bedanken sich. "Es war wunderschön", sagt ein Patient. Dem kann man uneingeschränkt zustimmen.

Für die Menschen hier vor Ort ist das Konzert eine schöne Abwechslung. Gut alle zwei Monate findet in diesem Rahmen ein Konzert von Live Music Now Hannover statt. Doch beinahe wäre dieses Konzert ausgefallen: Geplant war das Konzert mit Daniel Rudolph und den Sängerinnen Ylva Stenberg (Sopran) und Marlene Gaßner (Mezzosopran), aber beide erkrankten kurz vor dem Konzerttermin. Man konnte Yannick Spanier, der seit der Spielzeit 2017/18 ein Anfänger-Engagement als Bass-Solist an der Staatsoper Hannover innehat, gewinnen. In Windeseile erarbeiteten Rudolph und Spanier ein gemeinsames Programm. Das hat bestens funktioniert, so dass das geplante Konzert stattfinden konnte. Klasse Engagement, dass zugleich auch ein Beleg dafür ist, geplante Konzerte möglichst immer durchzuführen – selbst wenn neue Besetzungen und neue Musikprogramme kurzfristig notwendig werden. Denn, die Menschen, für die gespielt wird, freuen sich auf die jungen Musiktalente, auf die Musik. Frau Dr. Ulrike Fontaine, ehrenamtlich im Vorstand bei Live Music Now Hannover e.V., begleitete das Konzert für den Verein in der Psychiatrie Langenhagen organisatorisch - es ist eines von über 200 im Jahr, in mehr als 60 sozialen Einrichtungen - und betreute auch die Künstler. Nach jedem Konzert gibt es eine Nachbereitung in Form eines "Feedback"-Gesprächs-Bogens, bei dem Konzertbetreuer und Stipendiaten das Konzert besprechen und die Erfahrungen schriftlich fixieren: Kam das Musikprogramm an? Wurde das Publikum erreicht? Was sollte man ändern? Was war für die Akteure schwierig? ... Es passiert ja auch etwas mit den Künstlern, wenn sie in an besonderen Orten, wie diesem musizieren. Es sind immer - beeindruckende - Begegnungen...

Lord Menuhins soziales Engagement der kostenlosen Konzerte, die Menschen mit sehr eingeschränktem Bewegungsradius Freude bringen und zugleich junge musikalische Talente fördern, trägt immer wieder Früchte. Seit er den Verein 1977 in England gründete - und der mittlerweile viele internationale Ableger hat. Allein in Deutschland sind es 20 Vereine, weitere existieren in Österreich (4 Vereine) und in der Schweiz (1 Verein). Und über allem schwebt der wundervolle Leitspruch Menuhins: "Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude".

Das Konzert fand am 05.12.2017 von 14.30 - 15.30 Uhr statt.

(Text von Christian Seibt, Hannover 2017/2018)